StilmittelHans Rubenbauer/J. B. Hofmann, ›Lateinische Grammatik‹. München 101977. S. 322-325. Die wichtigsten Tropen und FigurenA. TropenUnter Tropen (τρόποι „Wendungen“) versteht man die Formen „uneigentlichen“ Sprechens, d. h. unter einem Wort ist etwas anderes zu verstehen als sein „eigentlicher“ Inhalt. 1. Synekdoche (συνεκδοχή „Mitbezeichnung“): Wahl eines engeren Begriffes statt des umfassenderen, insbesondere des Teiles statt des Ganzen (pars prō tōtō), und umgekehrt, z.B.:
2. Litotes (λιτότης „Abschwächung“): ein verhältnismäßig hoher Grad wird durch die Negation des Gegenteils ausgedrückt, z.B.:
3. Hyperbel (ὑπερβολή „Übertreibung“): das Maß des Glaubwürdigen übersteigende Aussage, z.B.:
4. Metonymie (μετωνυμία „Namensvertauschung“): Ersatz eines Begriffes durch einen anderen, ihm gedanklich nahestehenden; bes. Vertauschung von Ursache und Wirkung (Autor statt Werk, Gottheit statt Funktionsbereich, Stoff statt Produkt), z.B.:
5. Metapher (μεταφορά „Übertragung“): Übertragung eines Wortes in eine andere, ihm eigentlich fremde Sphäre; der verkürzte Vergleich („die Jugend gleicht dem Frühling“ – „Frühling des Lebens“) ist als Entstehung der Metapher umstritten, als Erklärung in vielen Fällen brauchbar, z.B.:
6. Allegorie (ἀλληγορία „Andersreden“): ein durch mehrere gereihte Metaphern ausgeführtes Bild, z.B.:
7. Personifikation (προσωποποιία): die Einführung konkreter Dinge sowie abstrakter und kollektiver Begriffe als handelnder Personen, z.B.:
8. Ironie (εἰρωνεία „Verstellung“): Das Gesagte ist das Gegenteil des Gemeinten, z.B.:
9. Euphemismus (εὐφημισμός „der Gebrauch von Worten guter Vorbedeutung“): die mildernde bis gegenteilige Bezeichnung von Dingen aus Griinden der Wohlanständigkeit oder des Aberglaubens, z.B.:
B. FigurenIm Gegensatz zu den Tropen, die die verschiedenen Arten der Setzung eines Wortes statt eines anderen bezeichnen, versteht man unter Figuren die verschiedenen Arten der kunstvollen Anordnung mehrerer Wörter. Eine völlig befriedigende Systematik ist jedoch weder in der Abgrenzung der Tropen von den Figuren noch in der Abgrenzung der einzelnen Figuren untereinander zu erreichen (Wort-, Satz-, Stellungs-, Gedanken-, Klangfiguren u.a.). Im folgenden wird die bereits von der Antike vorgenommene große Aufteilung in Wort- und Gedankenfiguren (figūrae ēlocūtiōnis und sententiae, σχήματα λέξεως und διανοίας) beibehalten. I. Wortfiguren10. Geminatio (ἐπανάληψις „Wiederaufnahme“): die unmittelbare Wiederholung eines Einzelwortes oder einer Wortgruppe an beliebiger Stelle im Satz, z.B.:
11. Anadiplose (ἀναδίπλωσις „Verdoppelung“): die Wiederholung eines am Schlusse einer Wortgruppe oder eines Verses stehenden Wortes zu Beginn der folgenden Wortgruppe oder des folgenden Verses, z.B.:
12. Anapher (ἀναφορά „Wiederholung“): die Wiederaufnahme des gleichen Wortes am Anfang von Sätzen oder Satzteilen, z.B.:
13. Epipher (ἐπιφορά „Hinzubringen“): die Wiederholung des gleichen Wortes am Ende von Sätzen oder Satzteilen, z.B.:
14. Paronomasie (παρονομασία „Umbildung eines Wortes“): Wortspiel, das auf der Klangähnlichkeit (und häufig Bedeutungsverschiedenheit) zweier Wörter beruht, z.B.:
15. Enallage (ἐναλλαγή „Vertauschung“): Beziehungsverschiebung, meist eines Adjektivs zwischen Substantiv und abhängigem substantivischem Genitivattribut, z.B.:
16. Prolepse (πρόληψις „Vorwegnahme“): Bezeichnung der Folge oder Absicht einer Prädikatshandlung durch ein prädikatives Adjektiv, z.B.:
17. Zeugma (ζεῦγμα „Joch“): einmalige Setzung eines Satzteils zu zwei Satzgliedern, obwohl er zu beiden nur in verschiedenem Sinne oder zu einem gar nicht paßt, z.B.:
18. Hyperbaton (ὑπερβατόν „das Versetzte“): Trennung zweier zusammengehöriger Wörter durch ein oder mehrere andere, z.B.:
19. Parallelismus (ἰσόκωλον „gleichgebautes Kolon“): gleicher Bau einander entsprechender Satzglieder, z.B.:
20. Alliteration: Wiederkehr des gleichen Anlauts in aufeinanderfolgenden Wörtern, z.B.:
21. Homoioteleuton (ὁμοιοτέλευτον „gleich endigend“): Wiederkehr des gleichen Auslauts in korrespondierenden Gliedern (nachantik: Reim), z.B.:
II. Gedankenfiguren22. Klimax (κλῖμαξ „Leiter“): im engeren Sinne eine Weiterführung der Anadiplose (Nr. 11), häufiger im weiteren Sinne die Steigerung vom weniger Bedeutenden zum Wichtigeren, z.B.:
23. Antithese (ἀντίϑεσις „Gegenüberstellung“): die Gegenüberstellung zweier Gedanken beliebigen Umfangs, z.B.:
24. Oxymoron (ὀξύμωρον „spitzig-dumm“): Antithese zweier sich widersprechender Ausdrücke, z.B.:
25. Chiasmus (χιασμός „Figur eines X“): die Überkreuzstellung korrespondierender Satzteile, z.B.:
26. Aposiopese (ἀποσιώπησις „Verschweigen“): das absichtliche Abbrechen eines Satzes, z.B.:
27. Hysteron proteron (ὕστερον πρότερον „das Spätere zuerst“): ein späteres Ereignis drängt sich infolge seiner Wichtigkeit vor, das zeitlich Vorhergehende folgt nach, z.B.:
28. Apostrophe (ἀποστροφή „Abwendung“): die Abwendung von den Zuhörern und die Hinwendung an abwesende Personen oder an Sachen, z.B.:
Ergänzungen1. zu den Tropen:Synonymie: Wiederholung der gleichen Wortbedeutung mit verschiedenen Wörtern; dabei ist zu bemerken, dass es echte Synonyme – abgesehen von den Numeralia – kaum gibt. Periphrase („Umschreibung“): Propter quos hanc suavissimam lucem aspexit, eos indignissime luce privavit (statt parentes interfecit). Antonomasie („Umbenennung“): anstelle des Namens wird ein charakterisierendes Beiwort verwendet: Romanae eloquentiae princeps für „Cicero“; Pelides („Sohn des Peleus“) für „Achilles“. 2. zu den Wortfiguren:Polyptoton: Wiederholung desselben Wortes in veränderter Flexion: qui sibi amicus est, hunc scito omnibus amicum esse; vix singulis aetatibus singuli tolerabiles oratores inventi sunt. Figura etymologica: Verbindung stammverwandter Wörter (meist Verb und Substantiv): si servitutem serviant; ire iter. Hendiadyoin („eins durch zwei“): ein zusammengesetzter Begriff wird in seine beiden (gleichwertigen) Teile zerlegt: natura pudorque „natürliche Schüchternheit“; ardor et impetus „Hitze des Angriffs“; fundere ac fugare „vernichtend besiegen“. Davon unterscheiden sollte man die Synonymenhäufung wie te semper amavi atque dilexi; aperte atque ingenue dico. Distributio: Zerlegung eines Ganzen in Einzelteile zur Veranschaulichung: multa hortabantur me: aetas, tempus, amici; opus exegi, quod nec Iovis ira nec ignes nec ferrum nec vetustas abolere poterit. Congeries: Häufung sinnverwandter Wörter: falli, errare, labi, decipi turpe iudicamus; frigus, sitim, famem ferre poterat. Antiklimax: Abstufung nach unten (Gegenteil der Klimax). Pleonasmus („Überfluss“): Zusatz zu einem Begriff, der kein neues Merkmal angibt: nil nimium studeo, Caesar, tibi velle placere; „alter Greis“; „weißer Schimmel“. Ellipse: „Auslassung“ leicht zu ergänzender Wörter (besonders verba dicendi): haec ille (dixit), ego autem (dixi); bene Chrysippus (dixit). Asyndeton: „unverbundene“ Stellung von Wörtern zum Ausdruck von Fülle oder Erregung, manchmal auch zur Kennzeichnung eines Gegensatzes („asyndeton adversativum“): veni, vidi, vici; litterae erudiunt, ornant, oblectant, consolantur. Polysyndeton: mehrmalige Setzung der Konjunktion: et rerum et verborum et sententiarum copia; vel in tempestate vel in agris vel in corporibus. Trikolon: Dreigliedrigkeit von Satzgefügen (v. a. bei Aufzählungen; meist in Verbindung mit anderen Stilmitteln) 3. zu den Gedanken- oder Sinnfiguren:rhetorische Frage: bei ihr erscheint ein Aussagesatz zur größeren Wirkung in Frageform; eine Antwort wird nicht erwartet: Quis hoc crediderit? Quid est … ratione divinius? Dubitatio: Zweifel (meist darüber, wie man etwas benennen soll): Quo te digno moribus tuis appellem nomine? Unde igitur incipiam? Exclamatio: Ausruf, um Wirkung zu erzielen oder die eigene Erregung zu entladen: O tempora, o mores! O miserum et infelicem diem! O di immortales! O fortunata mors! Correctio: Berichtigung eines Ausdruckes: Hic tamen vivit? Vivit? Immo vero etiam in senatum venit. – Litterae me delectant. Quid dico delectant? Immo unicum mihi perfugium praebent inter has vitae molestias. Praeteritio („Vorübergehen“): der Redner erwähnt eine Sache anscheinend nur beiläufig, um sich Wichtigerem zuzuwenden. Die Praeteritio kann auch für einen besonders starken Angriff verwendet werden. Praetermitto ruinas fortunarum tuarum; ad illa venio, quae ad rem publicam pertinent. Percontatio: Selbstbefragung zur Belebung der Gedankenfolge: Accusatis Roscium. Quid ita? Quia de manibus vestris effugit. – Quid ergo mei consilii est? Facere, quod maiores nostri fecerunt. Ethopoiie (sermocinatio): fingierte Rede (um einen Charakter darzustellen): Me quidem, iudices, exanimant hae voces Milonis, quas audio assidue: „Valeant“ inquit „cives mei, sint incolumes, sint florentes.“ |